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Gründerportrait # 14: LAVIU-Gründerin Julia Ryssel im Gespräch über Gründer und Kinder

veröffentlicht am 04. Dezember 2016 von in Geschichten | Portraits | Interviews, Gründung

Die LAVIU GmbH gibt es nun seit 2015 und spätestens seit diesem Zeitpunkt darfst du dich Unternehmerin nennen. Seit wann fühlt es sich auch danach an?
Zur Gründung musste ich beim Notar gefühlt 20-mal unterzeichnen. Der Notar hat mir auch erklärt, wofür welche Unterschrift ist, welche Konsequenzen es hat und welche Rechte und vor allem Pflichten in Deutschland damit verbunden sind, wenn man sich GmbH-Geschäftsführerin nennt. In dem Moment, als ich innerlich zu mir sagte: "Ja ich weiß und möchte das (trotzdem)", habe ich mich als Unternehmerin gefühlt.

Das Team der LAVIU GmbH ist noch recht klein, aber bereits gemischt. Wie haben du und dein Geschäftspartner zusammengefunden? Und wie funktioniert das Gespann bis heute?
Martin und ich haben uns über eine Gründerbörse gefunden. Das funktioniert ähnlich wie ein Jobportal, nur, dass am Ende kein gut bezahlter Job winkt, sondern eine Idee, die verwirklicht werden möchte. Martin und ich kommen aus sehr unterschiedlichen Fachrichtungen. Er ist Designer, ich komme aus dem Ingenieurwesen - das bringt oft verschiedene Sichtweisen auf den Tisch. Für uns ist das bisher immer ein Vorteil gewesen, da durch den Austausch und die Diskussion oft ganz neue Ideen entstehen. Ich denke, je mehr Leute mit komplett unterschiedlichem Hintergrund zusammenkommen, desto höher ist der Mehrwert fürs Team.
Dass wir uns für die Gründung zusammengetan haben und nicht vorher schon viele Jahre befreundet waren, hat Vor- und Nachteile. Einerseits kannten wir uns am Anfang noch nicht so gut, aber wenn man zusammen gründet, lernt man sich sehr schnell kennen. Andererseits finde ich es gut, dass mit dem Wohle der Firma nicht auch noch eine langjährige Freundschaft auf dem Spiel steht. Für uns ist immer klar, dass jede Entscheidung den Erfolg der Firma als Ziel hat und kein "was denkt er dann über mich" im Hinterkopf abläuft.

Mit dem Einsatz von innovativen Technologien aus der Luft- und Raumfahrttechnik in den Love-Toys, bewegt Ihr Euch auf einer sehr kostenintensiven Spielwiese mit hohem Forschungs- und Entwicklungsaufwand, auf der eine Anschubfinanzierung für ein junges Startup nahezu unerlässlich ist. Wer glaubt an euch und eure Ideen und investiert Geld, Zeit und Know-how in LAVIU?
Dresden|exists und SAXEED organisierten im Juni 2015 den Investorentag in Chemnitz, ein Pitch-Event speziell für wissens- und technologiebasierte Gründungen in der Frühphase, also absolut geeignet für unser Startup in der damaligen Phase. Hier konnten wir einen privaten Investor von unserem Konzept und unseren innovativen Produkten überzeugen. Er finanzierte unsere Produktentwicklung und ist bis heute ein sehr wichtiger Partner für uns.
Neben der finanziellen Beteiligung gibt es viele Wegbereiter, die uns mit Ermutigungen, Ideen, Feedback, Rabatten und Kontakten unterstützen. Diese sind für uns mindestens genauso viel wert wie monetäre Hilfen!

Ihr konntet also mit eurer Idee und dem dahinterstehenden Konzept überzeugen. Aber nicht jede gute Idee findet den Weg in die Umsetzung. Das scheitert nicht selten an den handelnden Personen. Welche Fähigkeiten und Eigenschaften muss ein/e Unternehmer/in mitbringen, um sich am Markt zu platzieren?
Hmm, gute Frage. Ich glaube, es gibt kein besonderes Profil, das man erfüllen muss, um Unternehmer/in zu werden. Ich glaube, dass jeder, der seine Stärken an der richtigen Stelle einsetzt, erfolgreich gründen kann. Meine Stärken, die mir helfen, sind Begeisterungsfähigkeit, ein gutes Bauchgefühl und Kritikfähigkeit.
Begeisterungsfähigkeit, weil mir die Begeisterung für LAVIU das nötige Durchhaltevermögen gibt auch nach kleinen oder größeren Rückschlägen aufzustehen und nach vorn zu blicken.
Ein gutes Bauchgefühl dafür, ob die Menschen ehrlich und aufrichtig mir gegenüber sind und unserer Unternehmung einen Mehrwert bieten können.
Kritikfähigkeit, die es mir ermöglicht, mich weiterzuentwickeln. Manchmal ist es nicht einfach, eigene Schwächen anzuerkennen, oder Fehler die ich gemacht habe. Aber es bringt mich voran. Denn nur, wenn ich kritisiert werde, kann ich es das nächste Mal besser machen. Ich bin nicht als Unternehmerin geboren, die 100 Mitarbeiter führen und mehrere Millionen Umsatz verantworten kann, aber ich kann mich dahin entwickeln.

Als Diplom-Ingenieurin für Keramik, Glas- und Baustofftechnik warst du knapp drei Jahre an der TU Bergakademie Freiberg beschäftigt und LAVIU am Anfang nicht viel mehr als eine Idee. Dennoch hast du deine wissenschaftliche Karriere an den Nagel gehängt und gegründet. Was war letztlich der Anlass für diesen mutigen Schritt?
Für mich war schon länger klar, dass ich etwas Eigenes auf die Beine stellen möchte und in meiner Zeit als wissenschaftliche Mitarbeiterin ist mir bewusstgeworden, dass ich vom Typ her eher eine Managerin bin, die gern viele Dinge gleichzeitig im Auge behält, als eine Forscherin, die mehrere Jahre ein Phänomen untersucht, um es bis ins kleinste Detail zu verstehen. Letztendlichen Anlass gaben mir die (leider üblichen) Kurzzeitverträge. Durch die Praxis der Befristungen, also der endlosen Aneinanderkettung von Kurzzeitverträgen, hat man letzten Endes auch in der Wissenschaft ein sehr unsicheres Arbeitsverhältnis. Für mich heißt das: dann lieber gleich selbstständig. Für mich bedeutet das mittlerweile auch eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf, da Arbeitsort und -zeit viel flexibler sind.

Wie sieht ein typischer Tag in deinem Leben als Mama und Unternehmerin aus?
Da gibt es zwei unterschiedliche Arten von Tagen. Jeden zweiten Tag verbringe ich in unserem Büro oder unterwegs bei Auswärtsterminen. Ich stehe zwischen 8 und 9 Uhr auf, frühstücke mit Smartphone, um wichtige Nachrichten zu checken und fahre gegen 10 Uhr los. Der Arbeitstag besteht dann hauptsächlich aus Meetings, Telefonaten und Papierkram. Je nachdem, wieviel zu tun ist, geht’s zwischen 17 und 19 Uhr heim. Zwischen 21 und 22 Uhr setz ich mich oft nochmal an den Rechner, um liegengebliebene Mails zu beantworten.
Die anderen Tage bin ich mit meiner sechs Monate alten Tochter zu Hause. Wenn sie schläft, arbeite ich meist an konzeptionellen Sachen leise am Laptop. Zwischendurch gehe ich mit ihr spazieren, wechsle Windeln, füttere sie oder spiele mit ihr. Oft schmeiße ich früh noch schnell eine Waschmaschine an. Bei Investorengesprächen, Vorstellungsgesprächen und Firmenmeetings per Skype ist sie einfach mit dabei. Sie spielt dann neben mir im Laufgitter, brabbelt im Hintergrund oder krabbelt auf mir herum. Startup und Privatleben verschwimmen, aber ich kann mir vieles so einteilen, dass es zum Rhythmus meiner Tochter passt.
Im Vergleich zu den Bürotagen sind meine Homeoffice Tage eher Slow Motion, aber das hilft mir, um zwischendurch den Kopf frei zu bekommen und den Blick fürs große Ganze nicht zu verlieren.

Ein Unternehmen wird sich nur langfristig im Markt etablieren, wenn es entsprechend vernetzt ist. Auf welchen Gründerevents findet man dich und was bedeutet Netzwerken für dich?
Ab und an tummele ich mich mal auf Gründerevents. Seit der Geburt meiner Tochter allerdings aus Zeitgründen sehr selten. Erst kürzlich habe ich LAVIU beim GründerGrillen des GründerGarten e.V. vorgestellt.
Netzwerken bedeutet für mich nicht, möglichst viele Leute kennen zu lernen, sondern die Kontakte, die ich habe, gut zu pflegen. Über einen engen Kontakt bekommt man nämlich besonders gute Empfehlungen oder interessante Leute vorgestellt. Ich würde ja auch nicht jeden, den ich einmal getroffen habe, unserem Investor vorstellen.
Um andere Gründer näher kennen zu lernen, ist es gut, zusammen zu arbeiten. Und zwar nicht nur sprichwörtlich, sondern Tisch an Tisch und Kopf an Kopf. Die Erfahrung haben wir zum Beispiel im Collab&Couch in Dresden und im Spinlab in Leipzig gemacht. Hier ergeben sich zum Teil Synergieeffekte, auf die man unter Umständen gar nicht kommen würde. Auch Events, bei denen eine kleinere Personengruppe immer wieder zusammenkommt, wie zum Beispiel die MomPreneurs, sind super.

Quelle: Dresden | exists