Header

Gründerportrait # 15: TiMMi Transport neue Mitnahmegelegenheit für Pakete & Co.

veröffentlicht am 02. August 2017 von Stefan Heilmann in Geschichten | Portraits | Interviews

TiMMi Transport heißt die neue Mitnahmegelegenheit für Pakete & Co. Menschen, die in einer Stadt unterwegs sind, werden für Paketboten für andere, die gerade keine Zeit haben, um selber Einkäufe oder Erledigungen zu machen. TiMMi ist ein virtueller Marktplatz, worüber Transportaufträge aller Art schnell und unkompliziert organisiert werden und lokale Unternehmen ihren Kunden eine personalisierte Leistung anbieten können.

Wie und wann entstand die Idee dazu?
Als Vollzeitarbeitende haben wir immer unsere Pakete verpasst, weil wir nicht zuhause waren, wenn der Paketbote kam. Abgesehen davon, dass man seinen Paketen hinterherrennt, störte es uns, dass Lieferwagen dafür unnötig durch die Stadt fahren, mit den damit einhergehenden CO2-Emissionen und der häufigen Blockierung der Fahrradspur. Der arme Paketbote muss eine alternative Zustellung herbeiführen, ist abgehetzt und sowieso schon unterbezahlt. Insgesamt haben wir ein großes Optimierungspotenzial in der sogenannten Lieferung über die "letzte Meile" gesehen.

Das war Ende 2015, als zudem viele Geflüchtete in der Stadt ankamen. Zu dieser Zeit wurden unglaublich viele Sachspenden gesammelt, es fehlte aber eine logistische Lösung für die Transportverbindung zwischen Spender und Empfänger. So konnten wir unsere Idee der Mobilisierung von Privatmenschen als Transporteure gleich testen. Wir entwickelten eine Onlineplattform, worüber Transporte direkt zwischen Transportnachfrager und Transportanbieter abgesprochen werden konnten. Mit diesem System wird ein Paket nie verpasst und die Fahrten können möglichst umweltfreundlich und stauminimierend koordiniert werden, wenn die Transportanbieter sowieso auf der Strecke unterwegs sind. Damit haben wir bewiesen, dass eine Mitnahmezentrale für Dinge durchaus funktionieren kann. Die TiMMi-Firma wurde gegründet und seitdem arbeiten wir an der Weiterentwicklung der Technologie, knüpfen immer neue Partnerschaften mit nachhaltigen Läden für die wir ausliefern. Außerdem untersuchen wir, wie wir zusätzliche Anwendungsfälle und weitere Städte auf die Plattform bringen können.

Wer hat Euch bei der Gründung geholfen?
Wir wurden Anfang 2016 ins "Sozial & Gründer" Programm des Social Impact Lab Leipzig aufgenommen, haben dort wertvolle Workshops und Coachings bekommen und sehen das Lab immer noch als unsere geistige Heimat an. Die Unterstützung der SAB mit dem Technologiegründerstipendium hat uns erst ermöglicht, Vollzeit an der Gründung zu arbeiten, dafür sind wir auch sehr dankbar. Im Herbst 2016 wurden wir außerdem vom SpinLab Accelerator unterstützt, die uns bis zur Gründung der GmbH im März 2017 mit wertvollen Tipps geholfen haben.

Was waren bisher die größten Herausforderungen und wie habt Ihr sie bewältigt?
DIE große Herausforderung, die TiMMi vermutlich immer begleiten wird, ist, dass wir unseren Kundenkreis kaum eingrenzen können. Wir sind eine Plattform. D.h., es gibt drei Parteien, die wir im gewissen Sinne alle als Kunden betrachten müssen. Wir nennen sie 1) die Auftraggeber, 2) die Transporteure und 3) die Shoppartner.

Die Auftraggeber sind diejenigen, die eine Lieferung anfragen. Das kann ein Privatmensch sein, der eine Blumenlieferung zu einem Geburtstag organisieren möchte, aber auch die Sekretärin in einem Unternehmen, der schnell die bekleckerte Krawatte vom Chef zur Reinigung senden oder den Transport wichtiger Unterlagen organisieren muss. Die Transporteure sind diejenigen, die diese Transportaufträge übernehmen. Unsere zertifizierten Privattransporteure sind häufig Studenten, die ein paar Euro auf ihrem Weg zur Uni dazu verdienen möchten - aber auch die professionellen Radkuriere, die ganz andere Anforderungen an der Plattform haben, um die Schnelligkeit zu erreichen, die in ihrem Arbeitsalltag unerlässlich ist. Die Shoppartner sind die Läden in der Stadt, die neue Kunden mit einer Lieferung erreichen möchten bzw. die Bequemlichkeit des Einkaufs für ihre jetzigen Kunden erhöhen möchten, um nicht im Schatten großer Onlineriesen zu stehen.

Wir müssen die Vorteile der Plattform all diesen Nutzern mit auf sie zugeschnitten Argumenten präsentieren. Das ist nicht immer einfach, weil wir bspw. nur eine Webseite haben, die wir nicht mit Informationen überladen wollen. Wir müssen uns immer bemühen, die verschiedenen Kundengruppen über verschiedene Kanäle zu erreichen. Es lohnt sich, mit dieser Komplexität zu arbeiten, weil gerade durch die effiziente Vernetzung der verschiedenen Parteien die Wertschöpfung und Nachhaltigkeit zustande kommt.

Gibt es Erfahrungen, die Ihr an andere Gründer weitergeben möchtet?
Schaut, dass das Team wirklich eine gemeinsame Vision teilt, und dass man bereit ist, sich auf die Teammitglieder in deren jeweiligen Fachgebieten zu verlassen. Versucht trotzdem auch immer in allen Bereichen ein bisschen mitzudenken, sodass die Synergie im Team nicht verloren geht. Jeder braucht irgendwann einfach einen Sparringspartner und es ist häufig gut, wenn derjenige kein Experte auf dem Gebiet ist. So kann man zusammen alle Herausforderungen bewältigen.

Welche Faktoren sind aus Eurer Sicht wichtig, für den Erfolg einer Existenzgründung?
Vor allem ein gutes Team, das füreinander einsteht, und Durchhaltevermögen.

Gibt es etwas worauf Ihr besonders stolz seid?
Dass wir es wagen, nicht "nur" ein Geschäft aufzubauen, sondern auch die Welt ein bisschen besser zu machen. Es gab durchaus andere Teams, die das Potenzial einer Mitnahmezentrale gesehen haben, aber wenn man ein Unternehmen nur deswegen gründet, um Geld zu verdienen, ist man eher dazu geneigt aufzugeben, wenn es schwer wird. Wir sind deutlich weiter gekommen als viele Teams, die deutlich mehr Geld zur Verfügung hatten, um die Idee zu verfolgen. Das resultiert daraus, dass wir die Firma nicht aus finanzieller Motivation heraus gründen, sondern wegen des positiven Effekts auf Gesellschaft und Natur. Aufgrund unseres ethischen Anspruchs müssen wir manchmal Abstriche machen oder höhere Kosten hinnehmen, aber das macht uns glaubwürdig und wichtige Partner und Kunden erkennen daran, dass sie sich auf uns verlassen können. Das wird bzw. ist schon der Schlüsselfaktor zum Erfolg. Es ist ein Wettbewerbsvorteil, den man nicht mal eben nachmachen kann.

Was ist Eure Zukunftsvision?
Weniger motorisierter Verkehr und mehr zwischenmenschliche Interaktion. Lieferungen werden nie wieder verpasst und Lieferfahrzeuge werden nie wieder die rechte Spur blockieren! Jeder wird die TiMMi App auf dem Handy haben, um schnell & bequem von unterwegs eine spontane Transporthilfe anzufragen, egal ob aus zeitlichen Gründen oder wegen der eigenen eingeschränkten Mobilität. Die Stadt wird sich wieder ein bisschen dörflicher anfühlen, weil ein Nachbar, der als TiMMi aktiv ist, uns unsere Lieferungen jederzeit und überall vorbei bringt und uns so unseren Alltag erleichtert.

Welche Ziele habt Ihr?
Wir möchten diesen umwelt- und menschenfreundlichen Service in ganz Deutschland und Europa verbreiten. Und am allerbesten auch in Entwicklungsländern, in denen es so oft an funktionierenden Institutionen fehlt und sich Privatmenschen selber an die Lösung eines Problems begeben müssen.